– ein Interview mit ARG-Mitglied Nils Zurawski zu seiner Forschung bei der Polizei, zu Anonymität, Nähe und Distanz.

Der Fragesteller bei dem Interview war Holger Steffen, studentischer Mitarbeiter bei Prof. Dr. Michi Knecht von der Uni Bremen. Der Text hier ist eine gekürzte Version des langen Gespräches, konzentriert auf die Forschung bei der Polizei.

Holger: Wann hast du dich das letzte Mal anonym gefühlt Nils?

Nils Zurawski: In der Tat bei der Forschung selbst, aber sonst auch täglich im Alltag.

Dr. habil Nils Zurawski, Universität Hamburg

Anonym hab ich mich gefühlt bei meiner Arbeit mit der Polizei und zwar in zwei Varianten. Einmal bin ich losgegangen mit uniformierten Polizisten, die sich im Stadtteil bewegten und mit Menschen interagiert haben – mal wurden sie angesprochen, mal haben sie den Kontakt von sich aus gesucht. Da war ich insofern anonym, als ich einfach dabei war und mich die Polizisten nicht vorgestellt haben. Ich glaube, dass die Kollegen das einerseits einfach intuitiv, dann aber auch taktisch entschieden haben, wann sie mich vorstellen und wann sie darauf verzichten. Das hatte, so meine Interpretation, mit ihrem Verhältnis zu den Personen zu tun. In den Fällen, in denen ich nicht vorgestellt wurde, bin ich mir sicher, dass ich für einen Zivilpolizisten gehalten wurde. In diesem Sinne wäre es nicht anonym, da ich eine Rolle zuerkannt bekam, meine Handlungen so in einen Rahmen passten, der Handlungsroutinen auslösen konnte, mit dem ich selbst verortet, also de-anonymisiert wurde, da ich einer Gruppe, einer Institution als zugehörig erkannt wurde.

Aber richtig anonym war ich bei meinem Einsatz mit den Zivilfahndern, vor allem bei den Observationsfahrten. Einmal gab es eine Fahrt mit drei Autos und einmal mit zweien. Observiert wird auch zu Fuß, wo dann die Polizisten das Auto verlassen und hinterher gehen. Das war schon recht merkwürdig, weil wir ja immer per Funk miteinander verbunden waren, was dann den Eindruck eines unsichtbaren Netzes hinterließ, das sich auf die Wirklichkeit da draußen legt – eine Realität über der Realität mit uns als anonymen Beobachtern und Akteuren. Du hast so das Gefühl, als wärst du Teil von etwas mehr, nur dass davon niemand weiß. Und die armen Tröpfe in dem verfolgten Auto, welches in einen Raub, in Einbrüche verwickelt gewesen sein soll, ahnten nicht, dass sie kontrolliert und beobachtet werden. Und die ganze Zeit wird miteinander gesprochen über Funk, was erst das nicht-sichtbare Netz erzeugt, bis das verfolgte Fahrzeug wieder verlassen wird, weil es parkt und die Insassen in einem Haus verschwinden, in dem sie selbst zu wohnen scheinen. Damit war dann sichergestellt, dass im Moment von denen nichts zu erwarten ist. Später wird vielleicht nochmal die Anwesenheit des Autos kontrolliert.

Diese Art von Anonymität ist sehr speziell, da sie den Verzicht einer Begegnung beinhaltet, also das Nicht-Wissen herausstellt, weniger das Nicht-Erkennen in der Begegnung als solcher. Diese Art von Anonymität hinterließ bei mir ein Gefühl von Macht, insbesondere da Du dabei nicht allein bist, sondern Teil eines Teams, einer vernetzten Macht, die das Gefühl der Stärke intensiviert. Ich fand das total aufregend, auch wenn das eigentlich total unspektakulär war, in dem Sinn, dass außer Autofahren durch die Stadt nichts passiert ist – keine Verhaftung, keine spektakuläre Verfolgungsfahrt. Wir begleiteten das Auto „nach Hause“ und fuhren dann selbst wieder zur Wache. Ich kann mir vorstellen, dass ein solches Gefühl vor allem mich betroffen hat und die Professionalität der Polizisten das überdeckt. Für mich war das in der Tat schon ein wenig aufregend. In Bezug zu Anonymität kann man das als Anonymitätserlebnis ohne Begegnung beschreiben.

Anonymitätserlebnisse mit Begegnung sind anders zu bewerten, gerade weil die Interaktionen eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle spielen. Diese Art von Erlebnissen sind vor allem in vielen profanen Alltagsbegegnungen zu finden. Dort, so könnte man sagen, spielen Goffman‘sche Rahmen eine wichtige Rolle. Immer dann wenn es sich um eine Begegnung handelt und Menschen dabei in de-anonymisierte bzw. de-anoymisierende Situationen eintreten, gerade weil bestimmte Handlungen und Erwartungen an diese Handlungen erfüllt oder enttäuscht werden. In der Regel macht man wenig, dass nicht erfüllt wird. Interessanterweise ist eine Identität nicht nötig, und Anonymität eben kein Problem. Das Nicht-Kennen ist nicht das Problem innerhalb eines so gesetzten Handlungsrahmen.

Das gilt für viele Interaktionen im Alltag in der Begegnung mir Fremden. Wenn ich z.B. jemanden den Weg weise, ist das auch eine anonyme Situation, weil ich eben nicht weiß, wer mein Gegenüber ist und ich nicht weiß warum der andere das wissen will. Vielleicht weise ich den Weg und die Person bringt jemanden um. Aber das kann mir dann egal sein. Der Rahmen erwartet keine weitergehende Beschäftigung mit Motiven der so Fragenden, sondern es wird erwartet, dass ich freundlich bin und das Gegenüber das erwidert. Im Grunde erleichtert ein solcher Rahmen die Begegnung und definiert die Situation als eben gerade nicht anonym. Man geht eine vertrauensvolle Beziehung ein, obwohl man sich nicht kennt, vielleicht auch, weil man von vornherein weiß, dass nicht mehr draus werden wird. Hallo – Guten Tag – Der Weg geht rechts rum – Ende. Alle sind zufrieden und niemand will mehr. Es wäre dann zu überlegen, ob Anonymität dann bestehen würde, wenn man mehr wissen würden wollte. Also wenn es angelegt sein könnte, dass ich mehr wissen will, es aber nicht in Erfahrung bringen kann. Bei dem Beispiel der Observationsfahrt, möchte der Verfolgte wissen, ob die Polizei ihn verfolgt und damit die bestehende (Macht-)Asymmetrie aufzulösen. Es ist ihm nur unmöglich, da eben gerade eine Wissensasymmetrie besteht.

Darüber hinaus müsste ich angeregt durch diese Erfahrungen neuerlich über Anonymität generell nachdenken. Ein Aspekt dabei wäre der Komplex Kapital und Anonymität. Durch eine Unterhaltung mit einem Journalisten über Black Rock, die größte Fond-Gesellschaft der Welt, stellte ich mir die Frage zu den Zusammenhängen von Anonymität und Kapital. So sitzt Black Rock über ihre Beteiligung in vielen Unternehmen weltweit. Ist damit die über Geld erzeugte Macht anonym, weil man zum einen nichts über die Beteiligungen weiß, zum anderen die Beziehungen, die auf Geld fußen anonym und überhaupt schwierig zu fassen sind. Ist die Wirtschaft somit und eigentlich per se anonym?

Und wie ist das eigentlich beim Zahlungsverkehr selbst so als ein Ausdruck von anonymer Beziehung zwischen Menschen, die über Geld geregelt wird? . Oder anders formuliert: Ab welcher Größenordnung von Geldbesitz man in der Lage ist, diese Art von anonymer Geldmacht zu erlangen. Die meisten unserer Transaktionen sind alle entweder per Konto nachvollziehbar oder wir machen es in sozialen Alltagsinteraktionen als Barzahlung. Die Idee, die ich hier vorbringen möchte, wäre, das Anonymität skalierbar zu sein scheint. Anonymität ist skalierbar – je nach Situation unterschiedlich stark skalierbar, im Sinne von wie stark, wie anonym, wie asymmetrisch und wie lange die Anonymität vorhalten kann. Kurze Begegnungen, die schnell vorbeigehen sind anonym, aber in dieser Hinsicht nicht interessant; In anderen Kontexten dauert es länger, Identitäten sind aber u. U. zurückverfolgbar; und dann gibt es Aktionen, die nicht zurückverfolgbar sind, und dann fragt man, was ist hier passiert? Genau deswegen hat mein Interesse an Anonymität, immer mit Macht zu tun. Der Zugang zu Anonymität besteht über Verhältnisse, z. B. das asymmetrische Zugangsverhältnis zu Information. Auch bei Amelie Baumanns Forschung zu anonymer Samenspende würde ich davon sprechen, dass es da unterschiedliche Möglichkeiten des Zuganges zu Information gibt und sich genau darin die Anonymität ausdrückt. Der Schutz von Personen, aber auch die Macht die Personen über andere haben, wenn z.B. die Eltern ihren Kindern etwas nicht erzählen; wenn das Jugendamt Akten freigibt, die Spender das aber nicht wollen; das alles kann Quelle für Konflikte sein, in deren Zentrum Anonymität oder ihr Verlust steht.

Holger: Du hast ja schon den Aspekt Macht angesprochen, Der ist ja auch zentral in deiner Forschung. In der Projektvorstellung sprichst du von der Verbindung von Anonymität der Macht in Form der Polizei versus der Macht der Anonymität – könntest du dazu vielleicht was sagen?

Das war so eine Art Wortspiel, was ich benutzt hatte, um mir der Dimensionen der Verbindungen bewusst zu werden. Macht der Anonymität ist ganz einfach – z.B. eine Demonstration. Das funktioniert ähnlich bei Anonymous. „Wir sind viele“. Eine normale Demonstration, in der man gegen oder für etwas ist und sich mit vielen Menschen zusammenschließt und dadurch in einer anonymen Masse untergeht, sich verstecken kann und gleichzeitig Teil von etwas Mächtigem ist. Wir in unserem Land haben zum Glück das Recht, das genauso zu tun, unsere Meinung und Haltung so zum Ausdruck bringen zu können und dadurch Macht auszuüben. „Wir sind viele, guckt her, wer sind wir, wir sind alle, die wir hier sind, ihr müsst gar nicht wissen, wer wir sind, wir sind einfach viele, mehr müsst ihr euch gar nicht merken und lesen was auf unseren Bannern steht“.

Das verleiht Macht und ich glaube, dass Menschen das auch deswegen tun, weil sie dann nicht alleine sind, weil die anonyme Masse ihnen Schutz, und Stärke gibt, indem sie Teil von etwas mehr sein können, ohne registriert zu sein. Und wenn sie im Anschluss nach Hause gehen, sind sie nicht zurückverfolgbar, nicht jeder einzelne kann Besuch kriegen von Leuten, die nicht derselben Meinung sind. Das ist der Idealfall. Wir wissen, dass es anders sein kann, dass man Fotos machen kann, dass man sehr wohl sehen kann, wer da war, dass man Menschen erkennen kann usw… Aber generell gilt erstmal dieses Ideal. Das ist Macht durch Anonymität.

Und die Anonymität der Macht spüren wir z.B. dann wenn, der Staat auftritt, ohne dass wir wissen wer das in dem Moment genau ist. Der Staat ist ein abstrakter Begriff, eine Institution, die als Wucht wahrgenommen wird. Kein Mensch. Es handeln dort Menschen, die mit oft nicht einsehbarer Macht ausgestattet sind. So stellt der Staat uns ein Parkticket aus und wir zahlen, weil wir die Macht anerkennen, obwohl wir nicht wissen, ob es überhaupt eine handelnde Person gibt. Briefe vom Amt sind oft unterschrieben, dennoch hat das wenig mit Transparenz zu tun, da es scheint, als wären die Menschen schlicht austauschbar und man kann ihnen nicht beikommen, sie nicht zur Rechenschaft ziehen. So der Eindruck. Es gibt also diesen Eindruck einer kafkaeskuen Blackbox, einer Bürokratie, in die man hineingerät und sich dann dort verläuft. Deswegen wird Macht als anonym wahrgenommen, oder ist es im Falle des Staates bis zu einem gewissen Grad auch immer. Man kann es vielleicht über das Gefühl Ohnmacht erklären, wenn ich meine, nichts gegen Einscheidungen oder Handlungen tun zu können. Dann hat das damit zu tun, dass es so scheint als wäre die ausübende Stelle eine Struktur, ein System, in dem niemand verantwortlich ist. Den einen anderen zu finden, den man zur Verantwortung ziehen kann, so funktioniert unser Rechtssystem. Systeme können wir nicht verurteilen, können wir nicht anklagen. In unserem Rechtssystem geht das trotzdem, diese Fälle werden vor den Verwaltungsgerichten abgehalten, dennoch steht da ein unpersönliches, möglicherweise anonymes System als Gegner. Das heißt immer wenn mir (scheinbar) ein System gegenübersteht, z. B. die Lobby XY, innerhalb dieser die Handelnden sich auch immer auf Systemzwänge berufen, z. B. Autos, VW, den Umweltschutz, usw. dann hinterlässt das ein Ohnmachtsgefühl. Und das ist der Moment, wo die Macht anonym ist und deswegen überhaupt erst Macht. Wenn ich es nicht benennen kann, verleiht das auch Macht. Wenn ich niemanden verklagen kann, es sich mir entzieht, gerade weil es System und nicht Person ist, ist Macht anonym, damit totalitär und deshalb gefährlich. Es ist notwendig diese Art der Macht einzuhegen, zu benennen, Verantwortungen zu schaffen. Recht ist eine Infrastruktur dafür, Transparenz möglicherweise eine andere. Das Potenzial selbst anonym aufzutreten eventuell eine weitere aus Seiten der Bürger.

Wir sehen wie schwierig es ist, gerade in diesem Systemzusammenhängen, z. B.nbei Wirtschaftssystemen, im Umweltschutz, bei VW, Verantwortung zu adressieren und man das Gefühl bekommt, „die“ sind irre mächtig, können viel, aber wenn es um den Umkehrschluss hin zur Verantwortung geht, dann befinden sie sich sozusagen in einer organisierten Verantwortungslosigkeit, wo man niemanden mehr direkt adressieren kann, wo man eben nicht sagen kann „du bist es“. Man trifft auf Systemzwänge und die sind anonym. Wobei ich mir fast nicht mehr sicher bin, ob andere systemische Zusammenhänge mächtiger sind als der Staat, der zumindest nach Max Weber eine bürokratische, eine legitime Herrschaft ausübt, also eine bürokratische Herrschaft auch, indem Rechtsstaatlichkeit garantiert wird, welche die Möglichkeit der Gegenrede einräumt. Immer wenn das nicht der Fall ist, wenn der Staat in das Leben seiner Bürger eingreift, ohne belangt werden zu können, wird die Macht besonders deutlich, auch der Machtmissbrauch. Ich denke an Geschichten rund um das Thema Jugendamt, Kindesentzug, wo man, wenn man die Geschichten liest denkt, „verdammt Hacke, dass kann doch nicht sein, das geht doch einfach nicht“, wenn der Staat in das Menschenleben eintritt und alles schiefgeht. Weil alle mitmachen, niemand Verantwortung übernehmen will und alle nur eine vermeintliche Aktenlage berücksichtigen. Und das ist die Anonymität von Macht, bei man Verantwortung nicht zuordnen kann. Menschen leiden, aber niemand kann oder will für das Leid gerade stehen. In meiner Forschung wollte ich schauen, ob das bei der Polizei auch so ist. Bei der Polizei handelt es sich um einen Bereich, wo die Begegnung von Bürger und Staat sehr direkt ist. Darüber hinaus ist die Polizei mit enormer Macht ausgestattet, weil sie Waffen tragen darf, weil sie Menschen verhaften darf, weil sie konstant vom Gesetzgeber geregelte Normbrüche begehen darf. Sie vertritt das Gewaltmonopol des Staates. Operationalisiert bedeutete das für mich Nähe- und Distanzverhältnisse zu beobachten. Wie werden diese in der Arbeit, in der Begegnung mit den Bürgern hergestellt? Wie ist das? Was wird getan um eventuell Anonymität herzustellen? Und warum?

Ein kleines Beispiel dazu: Die Zivilfahnder der Polizei, mit denen ich unterwegs war, müssen ja irgendwie unentdeckt bleiben. Die sind nicht under cover, sondern in zivil arbeitende Polizisten, mit Waffen und allem drum und dran, sie können sich jederzeit erkennbar machen, aber sie unternehmen eine Menge um nicht sofort erkannt zu werden. Teil einer Infrastruktur der Anonymität sind ihre Annahmen über das Normale. Wie sieht jemand Normales da draußen aus? Wie wird jemand wahrgenommen, was tut der/die Normale, damit man es nicht als außergewöhnlich wahrnimmt? Obwohl da draußen jede Menge Spinner und Unnormale, Freaks und schräge Vögel rumlaufen, suchen die Zivilfahnder quasi, und das ist das Irre, den Durchschnitt, der auch da Draußen rumläuft. Aber die Annahme, dass sie nicht total schräg rumlaufen müssten oder zumindest auffällig, fand ich faszinierend. Manchmal ist es ja so, das man eher nicht sieht, was am offensichtlichsten vor einem liegt oder steht. Alles, was sie machen und wie sie sich benehmen, ist ihre Strategie der Anonymität. Sie verdecken, in dem sie sich Unauffällig benehmen, sie verstecken sich nicht. Interessant ist dabei auch. was für Vorstellungen über das Normale sie haben.- Und sonst sind sie normale Polizisten, Polizisten, die nicht gleich erkannt werden wollen.

Ein anderes Beispiel ist der Jugendschutz. Die Polizisten sind ebenfalls in zivil, wobei denen Anonymität nicht wichtig ist. Die wollen geradezu erkannt werden, da sie andersherum – und das ist ein Originalzitat – die Jugendlichen aus der Anonymität holen wollen“. Deswegen gehen sie an so spezielle Orte wie den Dom, an den Jungfernstieg, oder zum Hauptbahnhof, um zu schauen, wer da rumhängt, ob die zu jung sind, ob dort Streuner unterwegs sind usw.. Sie sprechen die Jugendlichen direkt an, geben sich sofort als Polizei aus, sind aber auf Grund der fehlenden Uniform in der Lage nicht so direkt als Vertreter des Staates wahrgenommen zu werden. Die Beziehungen zu einigen der Jugendlichen sind nicht eng, aber vertraut. Man kennt sich. Andere holen die Jugendlichen aus der Anonymität. Sie bekommen einen Namen und die Polizei hat sie dann auf dem Schirm“was bedrohlicher klingt als es ist. So in etwa kann man sich Teile der Arbeit dieser Dienstgruppe vorstellen. Das hat etwas Sozialarbeiterisches, Sie kümmern sich, sie sind durchaus interessiert an den Jugendlichen Das hat auch etwas altmodisch Parternalistisches, aber auch etwas Kümmerndes.

Ihr Auftreten ohne Uniform dient dem Abbau von Distanz. Uniformen schaffen in der Regel eine Art von Distanz und obwohl die Uniform die PolizistInnen besser erkennbar macht, so generiert sie auch anonyme Macht als Vertreter des Staates, die weithin sichtbar sind. Der persönliche Kontakt der zivil und zunächst als Polizist nicht erkennbaren Kollegen vom Jugendschutz schafft Nähe und baut Anonymität ab. Eine paradoxe Situation. Ich glaube die Uniform verdeutlicht noch mehr das Repräsentative, den machtvollen Charakter, und damit auch die Anonymität der Macht.

Im Kern der Frage des Verhältnisses von Anonymität und Polizei steht daher die Frage von Nähe und Distanz, von Sichtbarkeit, Vertrauen und erwartbarem Verhalten, die einer Rolle zugeschrieben wird und in der eine Person als Teil einer Institution agieren kann. Anonymität wird beständig figuriert, hergestellt und ausgehandelt, sie ist eine Resource.

Holger: Lieber Nils, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.