Carolin Zieringer: Hallo Parastou, ich freue mich, dass Du Zeit für ein Interview findest! Zu Beginn interssiert mich, wann Du dich das letzte Mal wirklich anonym fühltest?

Parastou Forouhar: Anonym? Naja, im Grunde befinde ich mich gerade in einer anonymen Phase, weil ich dank eines Stipendiums für drei Monate in einer Schweizer Kleinstadt leben und arbeiten werde – in Stein am Rhein. Das ist eine komplett neue Umgebung für mich. Andererseits ist gerade hier, in diesem sehr touristischen Örtchen, die Fremdheit nicht so auffällig – obwohl man es mit einer kleinen, dichten und auf persönlicher Bekanntschaft beruhenden Struktur zu tun hat. Und diese Fremdheit ist im Grunde für mich das Gefühl der Anonymität. Allerdings muss ich auch sagen, dass diese gebrochen wird durch den für mich sehr seltsamen Sachverhalt, dass mein Stipendiengeber ein großes Plakat mit meinem Bild und meinem Namen an die hiesige Künstlerresidenz in einem historischen Gebäude angebracht hat. Es ist ein umgebauter Turm, in dem die Stipendiat*innen im historischen Kern der Altstadt leben. An der Glasfront des Erdgeschosses kann man nun mein Porträt wie in einem Schaufenster prangen sehen. Inwiefern dieses Gefühl der Anonymität nun also realistisch ist, kann ich nicht sagen. Es ist seltsam, nicht zu wissen, ob diese gefühlte Anonymität nur von mir ausgeht oder die anderen mich tatsächlich nicht kennen.

Ich finde an Deiner Beschreibung besonders interessant, dass Du Fremdheit und Anonymität verbindest und gleichzeitig der Aspekt des Ausgestelltseins eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Das ist auch etwas, das mir in deinem Werk Funeral ins Auge fiel. Grundsätzlich arbeitest Du darin mit handelsüblichen Bürostühlen – das Symbol für Standardisierung, nicht nur in Bezug auf die Möbel sondern auch auf die Menschen, die auf ihnen sitzen könnten und das an egal welchem Ort der Welt. Im modernen Büro sind sie austauschbar, quasi anonym. Andererseits stellt gerade diese moderne Büro den Einzelnen aus, macht ihn überwachbar, kontrollierbar. Für Funeral kleidest Du nun die Stühle in farbenfrohe Banner mit arabischen Schriftzügen, die einen jeden einzigartig machen sowie ihre Verbundenheit erkennen lässt. Wer die Banner nicht lesen kann, wird vermutlich erst einmal denken „Wie schön bunt! Wie dekorativ!“. Gleichzeitig transportieren gerade die Schriftzüge eine starke Aussage, verändern die Art das Werk zu lesen völlig…

Genau, das ist eben diese Täuschung, die Ambivalenz, die für mich in meiner künstlerischen Arbeit sehr spannend ist: Es geht darum, überhaupt solche Situationen zu konstruieren, die in unterschiedliche Richtungen Potenzial zeigen. Ich will das greifbar machen. Das ist bei Funeral, wie Du sagst, der Fall: Auf diejenigen, die die ganze Symbolik oder auch die arabische Sprache nicht entziffern können, hat es eine exotische, eine bunte, eine ornamentale Oberfläche, ja sogar eine verspielte Wirkung. Diejenigen aber, die die Hintergründe dieser religiösen Banner kennen, können das in einem anderen Kontext wahrnehmen: Es geht um Märtyrertum, Trauer und Verlust, um schiitische Rituale und die Vermischung von Text und Ornamentik. Vor allem geht es um das Versenden oder Signalisieren bestimmter Botschaften. Allerdings lege ich auch bei jeder Ausstellung Übersetzungen aus. Zwar nicht auffällig, aber doch auffindbar. Die Übersetzung liegt vor. Es ist dieser Moment, in dem die Wahrnehmung auf eine andere Ebene gehoben wird, den ich spannend finde, den ich provozieren will.

Das heißt, wenn Du von Täuschung sprichst, dann ist es auch immer eine Frage nach der Art der Wahrnehmung, aber auch danach, was wir überhaupt wahrnehmen können?

Genau.

Würdest Du sagen, dass das Werk auch anspricht, was wir überhaupt wahrnehmen wollen? Sind wir gewissermaßen frei, in diesem Falle die Anonymität des Märtyrers aufzudecken oder nicht? Ist es die eigene Aufgabe, Anonymität zu bekämpfen, wo sie schädlich sein kann oder wird uns dies manchmal schlichtweg unmöglich gemacht?

Es geht mir darum, in wieweit die Kontexte, die Historie, die Identität im Grunde, auf den ersten Blick wahrnehmbar sind. Gerade das ist häufig verzerrt durch klischeehafte Blickwinkel, z.B. dass man meinen könnte, dass Funeral durch das Bunte, das Ornamentale etwas heiteres bedeutet. Es ist also die Frage, ob man sich bereitwillig in seinem Urteil von solchen Klischees leiten lässt und damit eine solche andere Ebene der Wahrnehmung vielleicht gar nicht erreichen kann. Die Täuschung findet an der Stelle statt, an der man sich mit diesen wahrgenommenen Identitäten nicht näher auseinandersetzen will. Das hat mit Anonymität im weitesten Sinne zu tun, indem die Identität kultureller Komponenten im ersten Moment erst gar nicht nachvollziehbar und offenbar wird. Der Teil des Nicht-Wahrnehmbaren ist für ahnungslose Betrachter*innen damit auf gewisse Weise anonym – sie finden keinen Zugang dazu.

Die Banner in Funeral sind nämlich Anspielungen auf den Märtyrer-Tod eines schiitischen Imams…

Genau. Es geht hauptsächlich darum. Diese religiösen Banner werden im Grunde nur in Trauerzeremonien für den dritten schiitischen Imam Hussein, der als eine der Hauptfiguren des Schiitismus die Idee des Märtyrertums verkörpert, verwendet. Während der dreitägigen Trauerzeremonie werden mit den Bannern öffentliche, aber auch private Räume, Wände, Geländer, Autos, Busse verschleiert. Es ist, als bekäme die Stadt eine zweite Haut, die diese besondere Situation markiert. Funeral ist einerseits eine Anspielung darauf, aber auch diese ganze Gruppe an Stühlen – sie hat etwas Körperhaftes. Ich wollte eine andere Ebene kreieren, die darauf Bezug nimmt.

Da taucht für mich auf die Frage danach auf, was da noch zu Grabe getragen wird? Du sprichst häufig von Verschleierung, von Täuschung: Wird hier auch die Hoffnung, die einst in die Anonymität gesetzt wurde, „beerdigt“ oder „betrauert“? Auch vor dem Hintergrund Deines eigenen Kampfes gegen Anonymisierung durch ein totalitäres Regime, das versucht, politische Morde – in diesem Fall an deinen Eltern – vergessen zu machen?

Ja, das ist auf jeden Fall eine mögliche Interpretation. Ich finde ein solches Weiterdenken meiner Kunstwerke prima, und bin auch als Künstlerin davon angetan, wenn Betrachter*innen damit Ideenstränge zum Weiterdenken finden. Aber ich persönlich will nicht bestimmen, ob es das ist. Nur wenn solche Interpretationen absolut gegen meine Intentionen gehen, äußere ich mich. Ansonsten finde ich solche Gedanken total interessant, möchte aber meine Kunst nicht nur in Worte packen. Ab einem gewissen Punkt belasse ich sie auf der wortlosen Bildebene, damit gerade diese weiterführenden Auseinandersetzungen Raum haben, um statt zu finden.

In der Tat gibt es bekanntermaßen immer eine starke Verschiebung von Bedeutung und Wahrnehmung, je nach Betrachterin…

Die Lesbarkeit von solchen Kunstwerken ist hier ein wichtiger Punkt. Weder soll sie sich komplett auflösen, noch soll Kunst komplett in Worte zu fassen sein. Sie könnte dann ihr inneres Leben nicht mehr weiter leben.

Siehst Du da dementsprechend Potenzial auch wissenschaftlich in der Kollaboration mit Künstler*innen andere Zugänge zu Feldern zu bekommen? Wie siehst Du hier die Rolle „der Kunst“ oder des künstlerischen Modus im Projekt „Reconfiguring Anonymity“?

Ich finde es sehr interessant, wie das Projekt solche Schnittstellen hervorbringt. Es ist toll, das solche Projekt zustande kommen, sodass man sich einem Thema aus wirklich unterschiedlichen Blickwinkeln nähern kann. Für mich ist es bereichernd in meiner künstlerischen Arbeit auch die wissenschaftliche Seite näher kennen zu lernen. Gerade Funeral, das Du für unser Interview ausgewählt hast, ist ein interessantes Beispiel: die verwendeten Banner habe ich auch in anderen Werken verwendet, für die ich versuchte, ihre Symbolik zu verfremden, andere aus ihnen „herauszupressen“. Nun interessiert mich insbesondere inwiefern das überhaupt möglich ist, wie sehr solche kulturellen Elemente sich überhaupt anonymisieren lassen, sich von ihrer ursprünglichen Identität lösen lassen und was in so einem Fall passiert. Ich verstehe das als eine Art Untersuchung auf visueller Ebene, die aber nicht auf Visuelles beschränkt bleibt sondern die Verbindung zu anderen Formen – z.B. eben wissenschaftlichen – der Untersuchung eingeht.

Herzlichen Dank für das spannende Gespräch, Parastou!

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Das Interview führte Carolin Zieringer.
Sie studiert Politik- und Kulturiwssenschaften an der Universität Bremen und ist Student Research Assistant im VW-Projekt Anonymity. Das Interiew wurde am 19. April 2017 per Skype geführt.

Parastou Forouhar ist eine iranisch-deutsche Künstlerin, die von Anfang an im VW-Projekt Reconfiguring Anonymity mitarbeitet. Derzeit lebt und arbeitet sie als Chretzeturm-Stipendiatin in Stein am Rhein. Ihre Werke umfassen Objektinstallationen, Zeichnungen und Illustrationen sowie verschiedene Publikationen und Monographien.

Mehr Informationen zu Ihrer Person, Ihrem künstlerischen Schaffen und politischen Engagement finden sich unter: http://parastou-forouhar.de/

Die Bilder der Installation „Funeral – Ikea office chairs, ‚Ashura‘ banners, cardboard, cotton wadding“ stammen ebenfalls von Parastous Homepage und wurden mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin in diesem Blogpost verwendet http://parastou-forouhar.de/portfolio/funeral/