In a process that started decades ago, a multiplicity of forces is creating a slow, but steadily rising storm against anonymity. Discourses of transparency and accountability often describe anonymity as a threat. Technologies such as the IP-address-based Internet, sensory devices, and machine learning techniques further undermine anonymous encounters. In an age of near ubiquitous surveillance anonymity is under attack. But what is at stake in such discourses and developments? Based on the premise that anonymity is always socially productive and always socially produced, this special issue draws attention to anonymity as a social form that demands renewed attention. The contributions explore its temporalities, its transformative powers, and its entanglements with public spheres, property relations, and practices of person making.

A short introduction (German)

Eine Spezialausgabe der ephemera beschäftigt sich mit der Frage, was Anonymität in digitalen On-/Offline-Welten ist und sein könnte – und will nicht an das dystopische Ende der Anonymität glauben

(c) aram bartholl, how to vacuum form
(c) aram bartholl, how to vacuum form

Das Zeitalter des Internets und der Digitalisation ist auch das des Niedergangs der Anonymität und der Beginn absoluter Transparenz und Kontrolle – diese Annahme durchzieht den Diskurs und beschwört demokratische Utopien und soziale Dystopien herauf. Traditionell wurde und wird anonym-sein verbunden mit dem Recht auf Privatheit, der Freiheit zum unbestraften Widerstand, zur Delinquenz und Dissidenz sowie dem niederschwelligen Zugang zu bestimmten Feldern, Waren, Personen ohne die sonst zu befürchtenden legalen/sozialen Sanktionen.

Spätestens seit der Aufklärung ist Anonymität, so die Editoren einer aktuellen Sonderausgabe der ephemer, implizit im europäischen Werte-Kanon von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: So kann es die Unidentifzierbarkeit einer Person leichter machen, ihr Recht auf freie Rede vollumfänglich und frei von sozialer Sanktion zu nutzen. Anonyme Bewerbungsverfahren sollen für mehr Chancengleichheit in einer rassistisch und sexistisch strukturierten Welt sorgen und die Macht sozial diskriminierender Kategorien einschärnken. Und das Treffen zweier Fremder, die den richtigen Weg suchen oder auf der selben Demo skandieren, kann zu spontanen Allianzen in der Situation führen ohne dass sie auch nur das geringste voneinander wüssten. So verwundert es erst einmal nur wenig, dass die Omnipräsenz der Überwachung öffentlicher Räume in Zeiten der Digitalisation es nahe legen, dass Anonymität dabei ist zum Privileg, wenn nicht gar zur Unmöglichkeit zu werden.

Der öffentliche Raum, der bisher von anonymen Begegnungen und Nicht-Begegnungen strukturiert war, wird zum Ort ungewollter Vermessung, Vernetzung, Identifikation und Kontrolle. Das Buzz-Word „Big Data“ fällt hier sogleich: Es beinhaltet auch den moralischen Imperativ der Transparenz, und das Versprechen des besseren Lebens, denn je besser vermessen der Mensch ist, desto leichter wird es, sein Leben schöpferisch nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Daten werden objektifiziert und neue Techniken der Selbstvermessung und der gegenseitigen Kontrolle entwickeln sich. Schon Humboldt lernte bei seiner Vermessung der Welt, dass Quantifizierung und Kalkulation auch epistemische und soziale Kontrolle bedeuten.

So wird das Versprechen des besseren Lebens durch mehr „objektives Wissen“ zur Schreckensvorstellung des Freigeists: Regierungen, Konzerne, Mächtige, die die Daten besitzen, steuern gläserne Bürger, die glücklich sind, weil die minutengenaue Überwachung ihrer Körper zu geringeren Beiträgen für die Krankenkasse führt. Spätestens die Enthüllungen Edward Snowdens, Julian Assanges und von WikiLeaks machen deutlich, dass wer die Macht der Identifikation durch Daten inne hat, auch Macht über Menschen und ihr Zusammenleben erlangt. Es geht um Geld, Macht und die Frage danach, wie wir leben wollen und wer das kontrolliert – vielleicht ohne das wir das merken.

Aber ist das wirklich all das, was passiert? Ist das der Anfang vom Ende der Bedeutung der Anonymität und ihres politischen und sozialen Potenzials? Neuere Forschung im Bereich digitaler Anonymität, anonymitätsbedingter Praktiken wie Samenspenden oder Babyklappen und Umdeutungen und Aneignungen von Anonymität durch Hacker oder Selbsthilfegruppen geben deutliche Hinweise darauf, dass das dystopische Bild den Blick verzerrt: Wenn wir davon ausgehen, dass Anonymität zwischen Menschen entsteht, also ein relationale, situationsbedingtes und reziprok strukturierendes Phänomen von Sozialität ist, bedeutet das auch immer, dass die besagten Machtstrukturen produktiv wirken. Sie lassen Zwischenräume und Subversion zu, und bergen dadurch widerständiges, artikulierendes und strukturierendes Potenzial, das politisch, ethisch und sozial hochrelevant ist.

Es wäre fatal sich der Paranoia oder gleich dem Fatalismus hinzugeben und zu glauben, die Verheißungen der Transparenz durch Digitalisation wären nur der Wolf im Schafspelz. Das Feld ist bei genauerer Betrachtung viel ambivalenter, verworrender und vielschichtiger als zunächst gedacht. Hacker-Kollektive wie Anonymous drehen den Spieß um und erinnern uns an das widerständige Potenzial digitaler Praxen und dass die Aneignung von (technischem) Wissen heute auch eine politische Frage der Ermächtigung ist. Creative Common Lizenzen stellen die Frage nach der shareability von und dem Zugang zu Wissen in Frage; ganz neue Räume von Begegnung, Dissens und Empowerment werden geschaffen. Und auch Reproduktionstechnologien und Überwachungstechniken befeuern trotz ihres repressiven Charakters auch die Diskussion um Identität, Körper(-grenzen), Autonomie und Verantwortung und können unintendiert auch befreiend wirken. Praxis ist kontingent und ihre Wirkung selten kausal oder linear planbar. An diesem Punkt setzt auch das Forschungsprojekt „Reconfiguring Anonymity“ an, von dem ausgehend die Sonderausgabe konzipiert wurde: Zusammengefasst stellen sich die Wissenschaftler*innen und Künstler*innen die Frage, welche Widersprüche sich in zeitgenössischen Anonymitätsregimen auftun, wie sie erforscht werden können und welche neuen Perspektiven Anonymität in ihrer sozialen Produktivität eingenommen werden können.

Diesem neuen Zugang, der Ambivalenzen zulässt und Kontroversen fördert, ist die ephemera in der neuen Ausgabe verpflichtet. Die Beiträge international renommierter und interdisziplinär tätiger Autor*innen formieren sich um drei Zugänge zur sozialen Produktivität von Anonymität:

So stellt sich erstens die Frage nach den Technologien und Infrastrukturen von Information, Kommunikation, Überwachung und Identifikation, die Anonymität strukturieren und von anonymen Praxen strukturiert werden. Diese Formationen und Regime sind zweitens geprägt von Regulationen, ethischen Normen und Politiken der Anonymitäten, die reziprok auf Anonymitätsregime zurückwirken. Drittens schließt sich daran der Zugang über alltägliche Praktiken von doing/undoing Anonymität an. So drehen sich einige Beiträge um spannende Neubetrachtungen von Praxen der Polizeiarbeit, Social and Digital Media, Peer Reviews, politischer Mobilisierung und Protext, Selbsthilfegruppe und Hackerkollektive.

Das Online-Journals „ephemera – theory and politics in organization“ erscheint regelmäßig online und kostenlos und behandelt in jeder Ausgabe ein anderes aktuelles und kontroverses Thema. Herausgeber*innen der aktuellen Ausgabe sind Götz Bachmann (Leuphana Universität Lüneburg), Michi Knecht (Universität Bremen) und Andreas Wittel (Nottingham Trent University).